Was verdanken wir uns schon selbst? Predigt zu Erntedank

Gott hatte sein Volk Israel befreit, hat sie aus der Knechtschaft in Ägypten geführt, durchs Meer, durch die Wüste. Nun sind sie kurz vor ihrem Ziel. Sie können das gelobte Land schon sehen, das Gott ihnen als ihre Heimat versprochen hat. Da hat ihnen Mose, ihr Anführer, noch etwas Wichtiges zu sagen:

Lesung: 5. Mose 8, 7-18

7 Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8 ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, 9 ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. 10 Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den Herrn, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat. 11 So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. 12 Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst 13 und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, 14 dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, 15 und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen 16 und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. 17 Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. 18 Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

Die Israeliten konnten wirklich stolz sein. 40 Jahre Hitze, Dürre, umherirren in der Wüste haben sie hinter sich gebracht. Sie stehen kurz vor ihrem großen Ziel, dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Mose könnte ihnen einfach sagen: Toll gemacht, ihr seid wirklich klasse. Ich muss euch loben.

Er sieht aber, dass das gar nicht nötig ist. Die Menschen haben kein Problem damit sich selbst für ihre Leistungen zu würdigen. „Wisst ihr noch als wir damals so durstig waren. Da hab ich gegen eine Felsen gehämmert, so lange, bis Wasser rauskam.“ „Das ist gar nichts. Als ihr neulich geschlafen habt, war eine riesige Schlange in unserem Lager. Ich hab sie mit blosser Hand vertrieben.“

Mose hört diese Gedanken und ertappt sich selbst dabei: „Ihr Amateure, ich hab das Meer in zwei Teile gespalten, nur mit meinem Stab und meinem Charisma.“

Eigentlich schade, dass sie damals keine Handy dabei hatten. Wir hätten heute Millionen von Fotos aus der Wüste. Was wäre mit Bildbearbeitung alles möglich: „Ich mit der Riesenpython im Würgegriff“, „Eigentlich war ich es der das Meer gespalten hat, siehe leicht bearbeitetes Beweisfoto.“ „Ich nach 40 Jahren Wüste – faltenfrei und ohne Sonnenbrand“ – meinen Filtern sei Dank.

Wir sollten Mose nicht falsch verstehen: Ein bisschen Angeberei und Märchenerzählen ist schon okay. Sonst wäre das Leben langweilig, in der Wüste damals wie heute bei uns. Aber wir sollten acht geben, wenn das zu einem Teil unseres Charakters wird.

Das Gefühl, unabhängig zu sein, ist eines, das wir mögen, es schmeichelt uns. Und zugleicht ist es ein trügerisches Gefühl. Eine vierzigjährige Wüstenzeit ist alleine nicht zu schaffen, da hat jeder die Hilfe des anderen gebraucht.

Und auch in unseren Wüstenzeiten spüren wir: Wir sind abhängig voneinander. Ein Gespräch, das der Seele gut tut, in dem wir loswerden können was uns belastet, das geht nicht allein. Da braucht es jemanden der gut zuhören kann, dem ich vertrauen kann.

Der Theologe Friedrich Schleiermacher spricht vom „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“. Abhängigkeit ist für ihn nichts Negatives. Mit diesem Gefühl meint er Gott.

Wenn uns unsere Abhängigkeit bewusst wird, ist das oft schwer, beispielsweise im Alter, wenn wir auf Pflege angewiesen sind. Wer einmal im Krankenhaus operiert wurde, weiß was es heißt abhängig zu sein. Man muss sich ganz in die Hände anderer begeben. Nicht unbedingt ein schönes Gefühl. Aber eines das uns viel über unser Leben erzählt. Es ist eine Gabe, die wir empfangen. Wir haben uns nicht selbst gemacht, es war die Idee eines anderen.

Es ist gut, wenn wir heute auf Mose hören und uns fragen:

Woher haben wir unsere Kräfte, unser Können, unsere Gesundheit? Was verdanken wir schon uns selbst …?

Jede und jeder von uns sollte diese Frage heute an Erntedank mitnehmen, und gerne auch die Antwort des Mose:

Gedenke an den HERRN, deinen Gott.

Mein Leben ist eine Gabe, heißt das. Es heißt noch nicht, dass ich alles verstehe, was mir gegeben wurde und wird oder ich mit allem zufrieden bin, was ich habe oder bekomme.

Es heißt nur: Ich kann mein Leben ohne Gott leben; ich kann aber mein Leben ohne Gott nicht verstehen. Ich kann meine Abhängigkeit ohne Gott nicht verstehen, der mir genau dann nahe ist, wenn ich ihn besonders brauche, eben im Gefühl der schlechthinnigen Abhängkeit.

Ich muss dann nicht gleich rasend dankbar werden und bei jeder Gelegenheit applaudieren, aber nachdenken sollte ich schon.

Nachdenken über die immer wertvolle Frage: Was verdanken wir schon uns selbst …?